Arbeitskreis käfig- und barrierefrei

Menschen mit von den gesellschaftlichen Normen abweichenden Fähigkeiten und Bedürfnissen sind aus vielen gesellschaftlichen Aktivitäten zumindest partiell ausgeschlossen bzw. von der Gesellschaft behindert, auch innerhalb der Tierbefreiungsszene. Viele ihrer Diskriminierungserfahrungen sind denen nicht-menschlicher Tiere strukturell ähnlich.

Um übergreifende Sensibilität und Berücksichtigung zu stärken, haben Betroffene und ihre Freund_innen kürzlich das anti-ableistische Tierbefreiungsprojekt „Arbeitskreis käfig- und barrierefrei“ ins Leben gerufen, das sich über engagierte Mitstreiter_innen freut. Zu erreichen sind wir per E-Mail unter akkbf@riseup.net.

Tierbefreiung und Anti-Ableism – Gedanken einer Betroffenen

In den Augen nicht Weniger bin ich doppelt behindert: Ich kann meinen Körper, meine Extremitäten, nicht mehr so steuern, wie ich es früher konnte, und ich lebe vegan.

Aber auch aus meiner eigenen Sicht überlagert sich beides: Ich kann als Mensch, dessen körperliche Fähigkeiten von den gesellschaftlichen Normen abweichen, an vielen Veranstaltungen und Aktionen der veganen, Tierrechts- und Tierbefreiungsszene nicht einfach teilnehmen, viele Orte und Einrichtungen nicht oder nur mit sehr hohem – eigenen und helfenden – Aufwand aufsuchen und werde oft eher als Last denn als Bereicherung wahrgenommen – weil ich samt Rollstuhl Treppen hinaufgetragen werden muss, weil ich im engen Gang im Weg stehe, weil ich in flexiblen Gesprächsrunden in engen Räumen nicht so behände von einer Gruppe sich Unterhaltender zur nächsten wechseln kann u. v. m.

Dabei kann ich eine Menge Bereicherndes beitragen – nicht zuletzt meine Erfahrungen als von der Gesellschaft zur „Behinderten“ gemachter, die denen der zu „Tieren“ gemachten (die ja angeblich nicht für sich selbst sprechen können) in vielem nicht unähnlich sind. Auch wir „Behinderten“ erfahren ob unserer Abweichungen oft bestenfalls Mitleid und eine dem diskriminierenden „Schutz“ der „Tiere“ sehr verwandte „Hilfe“, statt in unserer Eigenart wahrgenommen und mit unseren weniger durchschnittlichen Bedürfnissen als vollwertiger Teil der Gesellschaft akzeptiert, geachtet und berücksichtigt zu werden. Auch wir werden in Nischen und klein parzellierte Schutzräume – sogenannte Heime – abgeschoben bzw. in ihnen verwahrt. Auch in unserem Falle entscheiden oft gutmeinende andere, was für uns das Beste sei, „schützen“ uns andere, indem sie uns – ganz besonders in Verwahranstalten für meine als „geistig behindert“ stigmatisierten Freund_innen – davon abhalten, ein freies und selbstbestimmtes Sozialleben zu führen.

Aber auch unser Kampf um Selbstbehauptung und selbstbestimmtes Leben hat uns Erfahrungen machen lassen, die für den Kampf um die Befreiung aller Tiere sehr Bedenkens- und Lernenswertes beinhalten. Wir Menschen mit normabweichenden Fähigkeiten und Bedürfnissen lassen uns nicht mehr abspeisen mit dem, was von „Menschen mit Migrationshintergrund“ immer noch ganz selbstverständlich verlangt wird – und von Nicht-Menschen in menschlichen Siedlungsräumen sowieso –: „Integration“, also bloße An- und Einpassung unserer selbst an/in die herrschenden Normen. Wir haben erkämpft, dass zumindest in der Theorie – noch viel zu wenig in der Praxis – verschieden fähige und bedürftige Menschen sich nicht mehr nur an bestehende, herrschenden Gewohnheitsnormen entsprechende Kommunal- und Gebäudestrukturen, Verkehrsmittel und -wege anpassen müssen, sondern umgekehrt zumindest öffentliche Plätze, Gebäude, Verkehrsmittel und -wege sich der Verschiedenartigkeit der Fähigkeiten und Bedürfnisse der sie potentiell nutzenden Menschen anzupassen haben. Was hindert uns daran, diesen Gedanken auf alle (ggf. potentiellen, weil nämlich verdrängten) Bewohner_innen von (sich leider immer noch stetig ausdehnenden) menschlichen Siedlungsräumen, also auf alle Tiere, auszuweiten? Inklusion statt Integration, Verkehrsstrukturen, die auf nicht-menschliche Tiere Rücksicht nehmen, statt Leinenzwang und Verdrängung!

Eine Tierbefreiungsbewegung, die gesellschaftliche Hegemonien verändernd beeinflussen will, muss die eigenen – gedanklichen und praktischen – Schranken überwinden, die Erfahrungen und Anschauungen, Nöte und Bedürfnisse anderer gesellschaftlicher Gruppen verstehen lernen, muss vielfältige Diskriminierungen innerhalb der eigenen Bewegung wahrnehmen und abbauen, von anderen Bewegungen und Kämpfen lernen und muss breite bewegungsübergreifende Bündnisse schmieden, ohne zu glauben, dass sie selbst als einzige schon die Weisheit mit Löffeln gegessen hätte und als Elite voranschreiten könne.

Vielleicht stehen wir tierbefreiungsbewegten Rollstuhlfahrer_innen dabei ja doch nicht nur im Weg herum?

Liberablix

(Erschienen in: TIERBEFREIUNG – Das aktuelle Tierrechtsmagazin, Heft 79, Juni 2013, Seite 73 f.)